Langfristige Kosten für neue Baugebiete in den Blick nehmen
Die Folgekostenabschätzung im mittelfränkischen Wilburgstetten
Wir sprachen im Juni 2026 mit dem Ersten Bürgermeister der Gemeinde Wilburgstetten (Bayern, LK Ansbach), Michael Sommer.
Herr Bürgermeister Sommer, Sie haben bei einem potenziellen Wohnbaugebiet im Ortsteil Welchenholz im Jahr 2022 eine Folgekostenabschätzung durchgeführt. Was war/ist dort geplant?
Es waren zehn Bauplätze mit insgesamt 7.000 Quadratmeter Wohnbaufläche vorgesehen. Im Ortsteil Welchenholz leben 64 Einwohner. Der niedrigste Stand lag bei 49 im Jahr 2018, es waren aber auch schon an die 100 vor einigen Jahrzehnten. Wir hatten den Ortsteil im Förderprogramm „Marktplatz der Generationen“ eingehend betrachtet. Auf dieser Grundlage habe ich schließlich eine Seminararbeit geschrieben, um die Erschließung und deren Folgewirkungen umfassend zu beleuchten und eine gute Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Zugleich trug diese transparente Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen zu einem großen Verständnis in der Bevölkerung bei.
Der kalkulierte Preis für einen Bauplatz hätte letztendlich bei 120 Euro/Quadratmeter gelegen. Von fünf ortsansässigen Interessenten war abschließend nur einer bereit, diesen Preis zu bezahlen. Deshalb haben wir vorerst auf die Erschließung verzichtet, da wir im Hauptort noch 30 freie Bauplätze haben, die uns finanziell sehr belasten.
Warum haben Sie eine Folgekostenschätzung vorgenommen?
Ich habe am Zertifikatskurs „Flächensparende Gemeindeentwicklung“ an der Campus Akademie der Universität Bayreuth teilgenommen. Die Teilnahme wurde von der Verwaltung der Ländlichen Entwicklung im Freistaat Bayern (StMELF) gefördert. Dort bin ich auf dieses Tool aufmerksam geworden. Es bot sich an, für die verpflichtende Seminararbeit den Folgekostenschätzer einzubinden.
Was sollte mit dem Folgekostenrechner gezeigt werden?
Mit diesem Tool kann gezeigt werden, dass der reine Blick auf die Kosten der Ersterschließung zu kurz greift. Jede Infrastruktur, die heutzutage neu errichtet wird, muss sich auch in 50 Jahren noch tragen – ohne die Kommune bei der Sanierung zu überfordern.
Welche Ergebnisse brachte die Folgekostenabschätzung zu Tage?
Der FolgekostenSchätzer bestätigte, dass die Folgekosten umso höher sind, je geringer die Bebauungsdichte ist. Die Kosten steigen also exponentiell zur abnehmenden Zahl von Wohneinheiten, die es in einer Straße gibt. Dies führt dazu, dass die Grundstücke – gerade auch bei uns im ländlichen strukturschwachen Raum – kleiner werden müssen, um mehr Wohndichte bei kürzeren Streckenlängen der öffentlichen Infrastruktur zu erreichen. Dies lässt sich durch kleinere Grundstücksgrößen in den Bebauungsplänen oder durch den Verzicht auf Neubaugebiete erreichen. Stattdessen sollte im Innenbereich Nachverdichtung erreicht werden durch Schließung von Baulücken oder weitere Bebauung von übergroßen Grundstücken. Eine weitere Folge könnte sein, dass die teilweise großzügiger geschnittenen Grundstücke im Innenbereich bzw. Altort an Attraktivität gewinnen und dadurch in eine (Nach-)Nutzung kommen – Stichwort „Alte Hofstellen ohne Nachnutzung“. Kommt es tatsächlich zu einem Verzicht auf eine Neuerschließung im Außenbereich, können dort Flächen und Folgekosten eingespart werden.
Welchen Folgekostenschätzer haben Sie verwendet? Welche Daten wurden eingegeben? Wie hoch war der Aufwand?
Ich habe den FolgekostenSchätzer (Stand 2021) verwendet, den das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr den bayerischen Kommunen kostenlos zur Verfügung stellt. Ich habe die Daten für das geplante Baugebiet im Ortsteil Welchenholz und eine damals laufende Sanierung eines älteren Wohnbaugebiets im Ortsteil Greiselbach eingegeben und verglichen. Das war sehr anschaulich.
Die Nutzerfreundlichkeit ist gut und in meiner Erinnerung verhältnismäßig einfach. Allerdings habe ich auf die Eingabe aktueller Baukosten verzichtet und mich auf die voreingestellten Werte der Software verlassen. Das war aber hinreichend konkret für die Auswertung.
Wie wurden die Ergebnisse der Folgekostenabschätzung in den Planungs- und Entscheidungsprozess eingebunden?
Die Ergebnisse habe ich in meiner Präsentation zur Darstellung des Sachverhalts und zur Vorbereitung der Entscheidung im Gemeinderat sehr gut verwenden können, da die Ausgabe von Grafiken möglich ist.
Welchen Beitrag hat die Folgekostenabschätzung geleistet?
Durch die Folgekostenabschätzung war eine transparente und objektive Darstellung der zu erwartenden Folgekosten möglich. Das war letztlich nicht entscheidend, aber ein wichtiger Beitrag in der Diskussion und zur Bewusstseinsbildung in der Bürgerversammlung im Ortsteil und im Gemeinderat.
Wie war die Akzeptanz in der Gemeinde (Verwaltung, Gemeinderat)?
Verwaltung und Gemeinderat aber auch die Bürgerschaft kannten den FolgekostenSchätzer noch nicht. Die Ergebnisse wurden akzeptiert.
Was sind die Stärken des FolgekostenSchätzers? Wo liegen die Schwächen?
Der FolgekostenSchätzer ist ohne große Kenntnisse zu bedienen. Das veraltete Layout könnte man als Schwäche ansehen.
Würden Sie den FolgekostenSchätzer wieder einsetzen und ihn auch anderen Gemeinden empfehlen?
Ein wiederholter Einsatz des Tools ist wohl nicht erforderlich, da das Grundprinzip klar ist. Aber es kann in Bezug auf unterschiedliche Formen der Erschließung und der Anordnung der Gebäude in einem neuen Baugebiet einen Beitrag leisten. Entscheidungen, ob eine neues Wohnbaugebiet erschlossen werden soll, werden aber leider nach wie vor nicht anhand der Folgekosten oder, besser, der Lebenszykluskosten getroffen. Ich halte deshalb einen anderen Ansatz für zielführender: Ständige Information der Bürgermeister und Gemeinderatsmitglieder in Seminaren und Fachvorträgen zu diesem Themenfeld – insbesondere nach Wechseln aufgrund von Kommunalwahlen.