LebensWERTE Dörfer – die Burbach-Initiative

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Ortskern von Niederdresselndorf in der Gemeinde Burbach
Ortskern von Niederdresselndorf in der Gemeinde Burbach
Nachverdichtung statt Neubaugebiete: Leben im Dorfkern!

Die Gemeinde Burbach im Siegerland hat die Zeichen der Zeit erkannt und setzt auf lebendige Ortskerne: Dafür wurde von der Burbach-Initiative ein ganzes Bündel von Maßnahmen erarbeitet, um die Ortskerne aufzuwerten. Somit kann auch Baugebiete im Außenbereich verzichtet werden.

"Neue Lösungen schonen Natur und Ressourcen, stärken die Infrastruktur in den einzelnen Dörfern und geben Antworten auf die demographische Entwicklung." Mit diesen Worten hat die Wissenschaftsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen Svenja Schulze am 21. Januar 2015 die Gemeinde Burbach für ihre Initiative „Lebens-WERTE Dörfer" als „Ort des Fortschritts" ausgezeichnet. Damit unterstreicht sie die Motivation der Gemeinde, durch vielfältige Aktivitäten die Aufwertung der Ortskerne ihrer Dörfer zu unterstützen. Sie sollen als Wohnstandort für alle Einwohner – für junge Familien und ältere Menschen – aufgewertet werden. Gleichzeitigt können Freiflächen im Außenbereich erhalten bleiben.

Vielfältige Maßnahmen zur Stärkung der Ortskerne

Die Gemeinde Burbach will mit der Initiative "LebensWERTE Dörfer" die Lebensqualität in den Ortskernen durch vielfältige Maßnahmen konsequent und dauerhaft sichern und fördern. Hierfür wurde eine verwaltungsinterne, aber interdisziplinär besetzte Arbeitsgruppe „LebensWERTE Dörfer“ gebildet, um eine selektive Betrachtungsweise zu verhindern und einen ganzheitlichen, „integrierten“ Entwicklungsansatz zu gewährleisten. Der Fokus liegt damit auf der Verbesserung der querschnittsorientierten Zusammenarbeit.

Als Basis und um zu wissen, wohin die Entwicklung in den einzelnen Dörfern gehen soll, wurden mit intensiver Bürgerbeteiligung Dorfentwicklungskonzepte für alle Ortschaften erarbeitet. Sie beinhalten bereits konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität. Mit der Neuaufstellung des Flächennutzungsplans wurde im Gemeinderat der Beschluss gefasst, keine Neubaugebiete mehr auszuweisen. Gewerbliche Bauflächen wurden zugunsten des Natur- und Artenschutzes zurückgenommen. Hinzu kommen ein Förderprogramm zur Stärkung des Ortskerns, eine Baufibel und eine Gestaltungssatzung, Nachverdichtung durch die Bauleitplanung, ein Baulückenmanagement, eine Konzentration von Einzelhandel im Ortskern und vielfältige weitere Projekte, die zur Umsetzung der Ziele beitragen sollen. Deutlich ist dabei geworden, dass gute Dorfentwicklung neben der „klassischen“ Innenentwicklung alle Themenbereiche der öffentlichen kommunalen Daseinsvorsorge umfassen muss. So ist es mit der Kampagne „LebensWERTE Dörfer – Die Burbach-Initiative“ nicht nur gelungen, die Ortskerne zu stärken, sondern auch die Identifikation der Bevölkerung mit den Dörfern und der gesamten Gemeinde zu verbessern.

„Richtungswechsel in der Dorfentwicklung“

Interview mit Bürgermeister Christoph Ewers

Frage: Mit der Initiative „Lebenswerte Dörfer“ will die Gemeinde Burbach eine Verbesserung der Lebensqualität in ihren Dörfern erreichen und gleichzeitig die Flächen in den Außenbereichen schonen. Was beinhaltet die Initiative „LebensWERTE Dörfer“?

Der Ursprung der Initiative lag in der klassischen Dorfentwicklung. Zurückgehende Bevölkerungszahlen und gesellschaftliche Veränderungen haben uns, damit meine ich Politik und Verwaltung, dazu veranlasst, über einen Richtungswechsel zu diskutieren. Ziel der Verantwortlichen war es damals, die Dörfer mit ihrem Ortskern zu erhalten und nicht veröden zu lassen. Das Leben findet im Dorf, im Dorfkern statt, und nicht in einem Ring um einen verlassenen Ortskern. Gleichzeitig wollten wir als Naturschutzgemeinde Außenbereiche schützen.

Deshalb sind damals nach einem intensiven Diskussionsprozess weitreichende Entscheidungen für die Dorfentwicklung getroffen worden. Neben der Aufstellung von Dorfentwicklungsplänen mit starker Bürgerbeteiligung sind weitere Instrumente entwickelt worden, die die Dorfinnenentwicklung forcieren. Ein Baulückenkataster gibt Auskunft über verfügbare Baugrundstücke, das kommunale Förderprogramm „LebensWERTE Dörfer“ unterstützt den Kauf, den Umbau und die energetische und barrierefreie Sanierung von Gebäuden im Ortskern. Überwiegend führen heimische Handwerksbetriebe die Aufträge aus, so dass auch eine lokale Wertschöpfung erzielt wird, die den Menschen vor Ort zu Gute kommt. Wesentlichster Schritt war jedoch der Verzicht auf Neubaugebiete. Vielmehr steht die Nachverdichtung im Vordergrund, die mit Erfolg praktiziert wird. Hier hilft z.B. das Baulückenkataster, freie Bauplätze zu finden. Alle Architekten in der Gemeinde sind eng eingebunden und fühlen sich den Zielen der Initiative verpflichtet.

Inzwischen sind aber auch zahlreiche weitere Projekte entstanden und werden laufend weiterentwickelt. Da sie alle das Ziel verfolgen, das Arbeiten und Leben in den Dörfern der Gemeinde konsequent und dauerhaft zu sichern und zu fördern, werden sie unter dem Dach „LebensWERTE Dörfer – Die Burbach-Initiative“ zusammengefasst. Die Einteilung nach Themengruppen verdeutlicht, dass alle Bereiche des täglichen Lebens und Arbeitens betroffen sind. Die große Anzahl der Projekte in den jeweiligen Themenfeldern ist ein Beweis für das außergewöhnlich hohe und nachhaltige Engagement der Burbacher Bevölkerung bei der Zukunftsgestaltung ihrer Gemeinde.

Frage: Welche Projekte oder Maßnahmen haben Sie bisher umgesetzt?

Mehr und mehr hat sich gezeigt, dass Dorfentwicklung ein Querschnittsthema ist und vielfältige Facetten beinhaltet. Deshalb hat sich ein Arbeitskreis in der Verwaltung gebildet, der sich intensiv über die Projekte, die dem Ziel der Initiative „LebensWERTE Dörfer“ Rechnung tragen, austauscht. Der Arbeitskreis ist der Steuerungskreis der Initiative.

Die Projekte stammen mittlerweile aus unterschiedlichen Themenfeldern. Beispielhaft möchte ich folgende Dinge aufzählen. Aus dem Bereich Wirtschaft und Arbeit stammt die Idee der lokalen Ausbildungsmesse, die nun jährlich organisiert wird. Das Baulückenmanagement und das kommunale Förderprogramm habe ich schon erwähnt. Auch eine Baufibel ist entstanden, die für regionaltypisches Bauen wirbt. Im Bereich Umwelt und Klima werden ständig Informationsveranstaltungen angeboten und die Klimabotschafter beraten Haushalte zur Energieeinsparung. Es gibt die Taschengeldbörse oder die PC-Kurse für Senioren, in denen Schüler den Älteren erklären, wie Tablets und Smartphones funktionieren. Im Kulturbereich kümmert sich ein Förderverein ehrenamtlich um den Betrieb des Heimhof-Theaters und mit dem Projekt „Damals – Geschichten von Land und Leuten“ wird die Burbacher Historie bewahrt.

Mit der Kommunikationskampagne haben wir uns zum Ziel gesetzt, noch mehr Menschen für die Dorfentwicklung zu begeistern und wollen damit zum Mitmachen auffordern. Mit Dorfsteckbriefen, Mailingaktionen, Bannern und anderen Kommunikationsmitteln machen wir auf die Initiative aufmerksam.

Wichtig ist bei allen Projekten: Sie sollen nachhaltig sein. Deswegen haben wir einen Dreiklang entwickelt, der sich aus dem Engagement des Dorfes oder anderen Projektträgern zusammensetzt, gemeindlichen Mitteln und Fördermitteln von Land und Bund. Hier eröffnet uns das LEADER-Programm einen guten Zugang wie auch die beiden Handlungskonzepte aus dem Bereich der ländlichen Entwicklung und des Städtebaus.

Frage: Konnten Sie einen sichtbaren Erfolg der Initiative LebensWERTE Dörfer verbuchen? Ist der Siedlungsdruck auf die Außenbereiche zurückgegangen?

Ja, wir haben mittlerweile eine gute Mitmachkultur in der Gemeinde entwickelt und viel Vertrauen in der Bevölkerung. Die Dinge, die wir mit den Menschen in den Dörfern, Unternehmen und Vereinen zusammen tun, sind glaubwürdig und bodenständig. Konkret zur Ausweisung von Baugebieten hat sich ein wahrer Erfolg eingestellt. Seit der Erstellung des Baulückenkatasters im September 2010 bis zum Juli 2016 konnten 73 Baulücken vermittelt werden. Diese verwaltungsseitige Erhebung einer Vermittlung erfolgt erst dann, wenn nicht nur das Baugrundstück veräußert ist, sondern auch ein Bauantrag genehmigt wurde, weil hierdurch die tatsächliche Schließung der Baulücke dokumentiert wird. Unser Förderprogramm ist jedes Jahr ausgebucht, die Sanierung hunderter Häuser ist bereits gefördert worden. Dabei initiiert 1 € Fördermittel rund 40 € Gesamtinvestitionsvolumen für das heimische Handwerk.

Frage: Welches sind wichtige Punkte, die Sie auch anderen Kommunen als Denkanstoß mitgeben würden?

Für uns hat sich herauskristallisiert, dass eine intensive Bürgerbeteiligung schneller zum Erfolg führt. Die Initiativen müssen natürlich glaubhaft sein und Erfolge müssen sich einstellen. Dazu gehört, gerade dann, wenn Projekte mit zivilgesellschaftlichen Akteuren umgesetzt werden, die notwendige Dank- und Anerkennungskultur. Deshalb organisieren wir regelmäßig Veranstaltungen für engagierte Bürgerinnen und Bürger oder präsentieren das Engagement in der Öffentlichkeit. Die Menschen müssen sich ernst genommen fühlen und die Gemeinde als verlässlichen Partner sehen. Alibi-Bürgerbeteiligung wird schnell durchschaut. Man verliert die Leute dann unterwegs.

Frage: Wo liegen die größten Widerstände, wenn das Ziel Reduzierung von Flächenverbrauch verfolgt wird?

In den Köpfen vieler – v.a. junger Familien – steckt häufig, auch durch Werbung bedingt, die Vorstellung von einem Häuschen in einem Neubaugebiet auf der grünen Wiese. Außerdem haben viele Lokalpolitiker lange das Ziel verfolgt, für „ihr“ Dorf ein neues Baugebiet durchzusetzen. Das schien häufig als größter sichtbarer, politischer Erfolg. Es hat viele Gespräche und Überzeugungsarbeit gekostet, zu einem Umdenken zu kommen. Sowohl die negativen Folgen eines ständig höheren Flächenverbrauchs als auch die positiven Folgen und Chancen einer gezielten Innenentwicklung müssen vermittelt werden. Am besten an guten Beispielen. Inzwischen haben wir auch manche junge Familie, die begeistert vom Umbau ihres Hauses im Dorfkern berichten kann. Fertig ist man mit dieser Generation nie. Neue Themen, wie Mehrgenerationenwohnen, sozialer Wohnungsbau und Unterbringung von Flüchtlingen kommen hinzu. Mit unserer guten Diskussionskultur in der Initiative LebensWERTE Dörfer sehe ich Burbach da auf einem guten Weg.

Interview: Linda Bode, Institut Raum & Energie

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